Arbeitskonzept

Qualifizierungskonzept der Bildungsinitiative Queerformat für den Bereich Kinder- und Jugendhilfe

Hier finden Sie das ausführliche „Konzept zur Umsetzung der Initiative Berlin tritt ein für Selbstbestimmung und Akzeptanz Sexueller Vielfalt (ISV) für den Bereich Kinder- und Jugendhilfe“.

Qualifizierungskonzept der Bildungsinitiative Queerformat für den Bereich Schule

Hier finden Sie das ausführliche „Konzept zur Umsetzung der Initiative Berlin tritt ein für Selbstbestimmung und Akzeptanz Sexueller Vielfalt (ISV) für den Bereich Schule“.

Unser Bildungsansatz: Antidiskriminierungspädagogik zu Geschlechtervielfalt

Wir verorten unsere Bildungsarbeit im Bereich der Antidiskriminierungspädagogik, denn sie regt dazu an, sich am Beispiel von Geschlechtervielfalt mit ungleichen gesellschaftlichen Verhältnissen, Vielfalt, Akzeptanz, Chancengleichheit und Teilhabegerechtigkeit auseinanderzusetzen. Besonderes Kennzeichen unseres Bildungsansatzes ist die Verbindung eines menschenrechtlich fundierten Diversity-Ansatzes (der rechtebasiert und intersektional argumentiert) mit einem umfassenden Gender-Ansatz (der Geschlechterverhältnisse nicht-binär, dekonstruktiv und heteronormativitätskritisch betrachtet).

Menschenrechtsbildung, Diversity Education und Lebensformenpädagogik

Der Abgeordnetenhaus-Beschluss zur ISV vom 02.04.2009 verweist im Begründungsteil (S. 9) auf die pädagogischen Konzepte Diversity Education und Lebensformenpädagogik, die der Entwicklung von Materialien und Lehransätzen für das Handlungsfeld „Bildung und Aufklärung stärken“ zugrunde gelegt werden sollen.

Queerformat wendet einen Diversity-Ansatz an, der die Menschenrechtsbildung[1], die Pädagogik der Vielfalt[2] und die Lebensformenpädagogik[3] verbindet. Dieser fachliche Ansatz bietet in Anlehnung an die so genannte „Trias der Menschenrechtsbildung“ im Lernen über, durch und für die Menschenrechte eine Kombination von Wissensvermittlung, Reflexion und Handlungsorientierung. Die von Annedore Prengel entwickelte Pädagogik der Vielfalt richtet ihr Augenmerk auf die Kriterien Geschlecht, Behinderung und Herkunft und wird sinnvoll ergänzt durch die Lebensformenpädagogik, die auch sexuelle Orientierung und sexuelle Identität explizit als Bestandteil gesellschaftlicher Vielfalt sieht und als Aufgabenstellung pädagogischen Handelns aufgreift. Wir nehmen darüber hinaus inhaltliche und methodische Impulse aus dem Anti-Bias-Ansatz und insbesondere aus dem Teaching for Diversity and Social Justice[4] auf, die Beispiele für die in den USA entwickelte Diversity Education sind.

Nach dem Konzept der Lebensformenpädagogik umfasst die intendierte pädagogische Vermittlung der Vielfalt von Lebensformen die vier Hauptaspekte Antidiskriminierung, Gewaltprävention, Emanzipatorische Sexualpädagogik und Politische Bildung. Zielsetzung für die Jugendbildung ist neben der allgemeinen Förderung von Akzeptanz und Respekt vor allem, dass Kinder und Jugendliche lernen, Differenz wertzuschätzen und ihr demokratisches Bewusstsein zu schärfen. Als Zielsetzung für die Erwachsenenbildung wird eine Erweiterung der pädagogischen Handlungskompetenz und ein akzeptierender Umgang mit Diversität im pädagogischen Feld formuliert, insbesondere sollen Pädagog_innen dazu befähigt werden, lesbische, schwule, bisexuelle und trans* Jugendliche in ihrem Coming-out zu unterstützen und intergeschlechtliche Jugendliche empowernd zu begleiten. Das Konzept der Lebensformenpädagogik wurde kontinuierlich weiter entwickelt und nahm verschiedene Einflüsse aus Theorie und Praxis auf. Von besonderer Bedeutung waren Erkenntnisse der Genderstudies und der Queer Theory, die Pädagogik der Vielfalt und die dekonstruktive Pädagogik[5], aber auch praktische pädagogische Ansätze wie die Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung[6], Diversity Education oder das an der Amherst University entwickelte Teaching for Diversity and Social Justice[7].

Lebensformenpädagogik vermittelt eine Wertschätzung für Vielfalt, thematisiert Ausgrenzungsmechanismen und Machtverhältnisse und versteht sich als Beitrag zur Menschenrechtsbildung. Seit Beginn des neuen Jahrtausends wird in der Lebensformenpädagogik explizit auf Menschenrechte und auf Menschenrechtsbildung Bezug genommen:

Ein wesentlicher Aspekt von Lebensformenpädagogik ist die Politische Bildung, der es darum geht, soziale und kulturelle Normen zu hinterfragen, das Verhalten von Mehrheits- bzw. Dominanzkulturen gegenüber Minderheiten zu beleuchten und damit den Umgang mit Anderssein generell zu thematisieren. In diesem Zusammenhang wird auf die sexuelle Orientierung als Menschenrecht eingegangen und über die tatsächliche rechtliche und soziale Situation von Lesben, Schwulen und Transgendern weltweit gesprochen. Das Spannungsfeld zwischen gesetzlichen Diskriminierungsverboten und staatlicher Verfolgung wird ebenso thematisiert wie die unterschiedliche Bewertung gleichgeschlechtlicher Liebe in verschiedenen Kulturen und Religionen. Hier wird deutlich, welche Bedeutung in einer demokratischen Gesellschaftsordnung dem Status von Minderheitsgruppierungen als Gradmesser der Umsetzung staatsbürgerlicher Rechte und Freiheiten zukommt. Die Politische Bildung über den gesellschaftlichen Umgang mit Anderssein am Beispiel des Umgangs mit unterschiedlichen sexuellen Identitäten schärft das demokratische Bewusstsein.[8]

[1] Benedek, Nikolova-Kress (2004)
[2] Prengel (1995)
[3] Kugler, Thiemann (2004)
[4] Adams, Bell, Griffin (1997/2007)
[5] Hartmann e. a. (1998), Fritzsche e. a. (2001), Hartmann (2002)
[6] Wagner (Hg.) (2013)
[7] Adams, Bell, Griffin (1997/2007)
[8] Kugler, Thiemann (2004), S. 161 f

Inklusiv handeln: Vielfalt wertschätzen, Barrieren abbauen und Teilhabe ermöglichen

In der Argumentation mit Menschenrechten und Kinderrechten (vor allem dem Recht auf Bildung in Verbindung mit dem Recht auf diskriminierungsfreies Lernen) lässt sich auf einer pädagogischen Ebene an gesellschaftliche Diskurse anknüpfen, die z. B. durch internationale Entwicklungen wie die Debatte um Inklusion oder durch Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts und Forderungen von Selbstvertretungsorganisationen Persönlichkeitsrechte und Diskriminierungsschutz heute in einem anderen Kontext thematisieren als dies sehr lange der Fall war.

Wenn z. B pädagogische Fachkräfte ihr Handeln inklusiv ausrichten wollen, gilt es auch diejenigen Barrieren in den Blick zu nehmen und abzubauen, die durch rigide Geschlechteranforderungen entstehen. Unter ihnen leiden nicht nur trans- und intergeschlechtliche Kinder, sondern alle Kinder, die sich mit den einseitigen Zuschreibungen von Genderstereotypen nicht wohl fühlen. Kinder werden in ihrer Persönlichkeitsentwicklung gestärkt, wenn sie Erfahrungen von Einschluss machen können. Und wenn vielfältige Familienformen, Lebensweisen, Herkünfte, Befähigungen, Geschlechtsausdrucksformen und Identitäten wertgeschätzt werden, kommt dies allen Kindern zugute. „Durch eine frühe positive Vermittlung von unterschiedlichen Lebenswelten bekommen Kinder von klein auf die Chance, einen sicheren Umgang mit sozialer Vielfalt zu erlernen und damit gut auf das Leben in einer sich immer weiter ausdifferenzierenden Welt vorbereitet zu sein.[1]. Diese vielfaltspädagogische Vorbereitung ist auch ein erklärtes Bildungsziel der Vereinten Nationen, die in der Kinderrechtskonvention festgehalten haben, dass Bildung darauf ausgerichtet sein muss, „das Kind auf ein verantwortungsbewusstes Leben in einer freien Gesellschaft … vorzubereiten“ (Artikel 29 (1) KRK)

[1] Nordt, Kugler (2014), S. 17

Queere Bildung: Geschlechtervielfalt und soziale Gerechtigkeit

Grundlagen der Lebensformenpädagogik wie Wertschätzung für Vielfalt, Thematisierung von Ausgrenzungsmechanismen und Machtverhältnissen und die Argumentation mit Menschenrechten werden auch in der Darstellung queerer Bildung aus neueren Quellen aufgegriffen: Queere Bildung steht in diesem Sinne für eine Pluralisierung von Geschlecht und Sexualität, sie übt Kritik an der vorherrschenden Zweigeschlechtlichkeit und Heteronormativität und hinterfragt sie kritisch. Dabei wird die Herstellung der Norm in den Blick genommen, statt von der Norm als Grundlage auszugehen.[1]

In queerer Bildungsarbeit nach unserem Verständnis wird Vielfalt von Lebensweisen als allgegenwärtig und gleichwertig vermittelt und die Herstellung von Differenzkategorien wie Geschlecht, Begehren, Klasse, Herkunft etc. kritisch sichtbar gemacht.

Die Bildungsangebote dienen dazu, Reglementierungen und Begrenzungen in Bezug auf Geschlecht, Begehren und andere soziale Kategorien zu erkennen, die eigene gesellschaftliche Positionierung zu reflektieren und das Bewusstsein für Fragen sozialer Gerechtigkeit zu stärken. Dies befähigt dazu, marginalisierte Gruppen zu empowern, Teilhabebarrieren abzubauen und damit neue Freiräume und Handlungsmöglichkeiten im Sinne einer gesellschaftlichen Partizipation aller Menschen zu eröffnen.

[1] Recla, Schmitz-Weicht (2015)

Literatur

Adams, Maurianne / Bell, Lee Anne / Griffin, Pat (Hrsg.): Teaching for Diversity and Social Justice. 1997/2007.
Benedek, Wolfgang / Nikolova-Kress, Minna: Menschenrechte verstehen. Handbuch zur Menschenrechtsbildung. 2004.
Fritzsche, Bettina / Hartmann, Jutta / Schmidt, Andrea / Tervooren, Anja (Hg.): Dekonstruktive Pädagogik. Erziehungswissenschaftliche Debatten unter poststrukturalistischen Perspektiven. 2001. 
Hartmann, Jutta / Holzkamp, Christine / Lähnemann, Lela / Meißner, Klaus / Mücke, Detlef (Hrsg.): Lebensformen und Sexualität. Herrschaftskritische Analysen und pädagogische Perspektiven. 1998.
Hartmann, Jutta: Vielfältige Lebensweisen. Dynamisierungen in der Triade Geschlecht – Sexualität – Lebensform. Kritisch-dekonstruktive Perspektiven für die Pädagogik. 2002.
Kugler, Thomas / Thiemann, Anne: Vielfalt bereichert. Diversity in der pädagogischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, in: Jutta Hartmann (Hrsg.), Grenzverwischungen. Vielfältige Lebensweisen im Gender-, Sexualitäts- und Generationendiskurs. 2004, S. 153-166.
Nordt, Stephanie / Kugler, Thomas: Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt im Kontext von Inklusionspädagogik, in: Sozialpädagogisches Fortbildungsinstitut Berlin-Brandenburg und Bildungsinitiative QUEERFORMAT: Vielfalt fördern von klein auf. Sexuelle und geschlechtliche Vielfalt als Themen frühkindlicher Inklusionspädagogik. 2014, S. 12-17.
Prengel, Annedore: Pädagogik der Vielfalt. Verschiedenheit und Gleichberechtigung in Interkultureller, Feministischer und Integrativer Pädagogik. 1995.
Recla, Ammo /Schmitz-Weicht, Cai: Konstruktiv Dekonstruktiv – Ansätze einer queeren Bildungsarbeit, in: Huch, Sarah / Lücke. Martin (Hg.): Sexuelle Vielfalt im Handlungsfeld Schule. 2015, S. 275-289.
Wagner, Petra (Hrsg.): Handbuch Inklusion. Grundlagen vorurteilsbewusster Bildung und Erziehung, 2013.